# Sind Süßstoffe schädlich? 

Beobachtungsstudien sagen, Süßstoffe machen krank. Randomisierte Studien sagen das Gegenteil. Beide Befunde stehen in derselben neuen Übersichtsarbeit. Der Unterschied liegt im Studiendesign, und er erklärt fast jede Süßstoff-Schlagzeile.

Eine neue Studie hat Daten von 50.034.327 Menschen ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass Süßstoffe mit einem höheren Risiko für Übergewicht, metabolisches Syndrom, Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck einhergehen. Die Zahl ist echt. Die Schlagzeile stimmt. Und trotzdem ist sie das Uninteressanteste an dieser Arbeit.

Denn dieselbe Übersichtsarbeit hat auch die randomisierten Studien ausgewertet. Dort senken Süßstoffe das Körpergewicht, mit der höchsten Evidenzstufe, die dieses Bewertungssystem vergibt. Ein Paper, zwei gegensätzliche Befunde, dieselben Substanzen.

Das ist kein Widerspruch in den Daten. Das ist ein Unterschied im Studiendesign. Und wer ihn versteht, kann fast jede Süßstoff-Schlagzeile der letzten zwölf Jahre selbst einordnen.

[Image: Zwei Pfeilrichtungen zwischen Übergewicht und Süßstoffkonsum, die beobachtete Korrelation ist in beiden Fällen identisch]

Was steht wirklich in der neuen Übersichtsarbeit?

Die Arbeit ist ein sogenannter Umbrella Review, eine Übersicht über Übersichten. Sie sammelt keine Rohdaten, sondern bereits veröffentlichte Meta-Analysen, also Arbeiten, die die Ergebnisse vieler Einzelstudien zu einer Zahl zusammenrechnen, und fasst diese zusammen. Erschienen ist sie im Juni 2026 in Nutrition Research and Practice unter Federführung von Jinyoung Jeong und Dong Keon Yon.

[Image: Kopfdaten der Originalarbeit mit Titel, Autoren sowie den Daten für Eingang, Revision und Annahme]

Eingeschlossen wurden 35 Arbeiten. Die meisten werten Beobachtungsstudien aus, ein kleinerer Teil randomisierte kontrollierte Studien, also echte Experimente mit Kontrollgruppe. Insgesamt prüfte die Arbeit 135 mögliche Zusammenhänge zwischen Süßstoffen und Gesundheit, 110 davon aus Beobachtungsdaten. Handwerklich sind die eingeschlossenen Arbeiten überwiegend sauber.

Aus den Beobachtungsdaten kamen diese Ergebnisse:

Krankheit | Risiko bei viel Süßstoff | Wie belastbar
Übergewicht | 84 Prozent höher | schwach
Metabolisches Syndrom | 31 Prozent höher | stark
Typ-2-Diabetes | 14 Prozent höher | schwach
Bluthochdruck | 13 Prozent höher | mittel
Chronische Nierenkrankheit | 20 Prozent höher | stark
Sterblichkeit insgesamt | 13 Prozent höher | mittel
Brustkrebs | 9 Prozent niedriger | stark

Wichtiger als die Prozentzahlen ist die Spalte daneben. Das Paper hat jeden Zusammenhang selbst benotet. Von den 110 geprüften Zusammenhängen waren nur 30 überhaupt deutlich genug, um eine Note zu bekommen, und 20 dieser 30 bekamen die schwächste. Daher kommt der Satz, den du überall lesen wirst: Zwei Drittel der Befunde seien schwach. Und alles in dieser Tabelle sind Beobachtungsdaten. Sie zeigen, dass zwei Dinge zusammen auftreten, nicht, dass das eine das andere verursacht.

Und sieh dir die letzte Zeile an. Der am besten abgesicherte Befund der ganzen Tabelle ist ausgerechnet eine Entwarnung: weniger Brustkrebs. Diese Zeile zitiert niemand. Wer die Risiken nennt und die Entwarnung weglässt, sortiert nach Ergebnis statt nach Methode.

Was die randomisierten Studien derselben Arbeit zeigen

Und dann steht dort noch etwas, das in keiner Schlagzeile auftauchte. Aus den randomisierten Studien derselben Arbeit:

Was getestet wurde | Ergebnis | Wie sicher
Körpergewicht, Erwachsene | Süßstoff-Gruppen nahmen leicht ab | sehr sicher
Menschen mit Übergewicht oder Adipositas | etwas stärkerer Gewichtsverlust | sehr sicher
Gewicht bei Kindern | messbar, aber sehr klein | mittel
Stevia und Blutzucker | Blutzucker sank deutlich | mittel
Sorbit und Zähne | etwas weniger Karies | mittel

Das Paper versteckt diese Ergebnisse nicht. Es berichtet sie sauber. Es zieht daraus nur keine Konsequenz für seine eigene Zusammenfassung.

Warum Beobachtungsstudien bei Süßstoffen systematisch danebenliegen

Stell dir zwei Menschen vor. Der eine wiegt 70 Kilo, trinkt Wasser und hat keinen Grund, über Zucker nachzudenken. Der andere wiegt 105 Kilo, hat gerade eine Diabetesdiagnose bekommen und stellt auf Cola light um.

Fünf Jahre später kommt eine Kohortenstudie. Sie beobachtet eine Gruppe von Menschen über die Zeit, fragt beide, wie viel Süßstoff sie konsumieren, und schaut, wer krank ist. Das Ergebnis ist vorhersehbar. Es sagt nur nichts darüber aus, ob der Süßstoff die Krankheit verursacht hat.

Dieser Mechanismus hat einen Namen: umgekehrte Kausalität. Menschen greifen zu Süßstoff, weil sie ein Gewichtsproblem oder eine Stoffwechselerkrankung haben, nicht umgekehrt. Statistische Korrekturen für Body-Mass-Index, Bewegung oder Bildung helfen dagegen nur begrenzt, weil sie den Zustand zum Zeitpunkt der Befragung erfassen, nicht den Grund für die Ernährungsumstellung.

Ein Beispiel zeigt, wie viel davon schlicht Körpergewicht ist. 2015 fasste die Gruppe um Fumiaki Imamura im BMJ 17 Kohorten mit 38.253 Diabetesfällen zusammen. Süßstoffgetränke waren mit 25 Prozent mehr Typ-2-Diabetes assoziiert. Dann rechneten die Autoren das Körpergewicht heraus. Aus 25 Prozent wurden 8 Prozent. Ein einziger Störfaktor fraß zwei Drittel des Effekts.

Die Autoren der neuen Übersichtsarbeit wissen das. Im Abschnitt über die Schwächen der eigenen Arbeit steht es deutlich:

Menschen mit höherem Risiko für Adipositas, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen greifen möglicherweise einfach häufiger zu Süßstoffen, um gegenzusteuern, statt dass die Süßstoffe die Ursache der Erkrankung wären.

Und sie halten fest, dass mehrere Studien vor ihnen dasselbe gesagt haben.

[Image: Limitationsabschnitt der Originalarbeit, der Satz zur umgekehrten Kausalität ist hervorgehoben]

Das ist der entscheidende Satz der ganzen Arbeit, und er stammt von den Autoren selbst über ihre eigenen Daten.

Der beste Beleg dafür heißt Erythrit

Wenn du wissen willst, wie stark umgekehrte Kausalität eine Ernährungsstudie verzerren kann, dann ist Erythrit der Lehrfall.

2023 erschien in Nature Medicine eine Arbeit von Marco Witkowski und Stanley Hazen. Bei Menschen im obersten Viertel der Erythrit-Blutspiegel war das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod innerhalb von drei Jahren um 80 Prozent höher als im untersten Viertel, in der US-Kohorte mit 2.149 Personen. In der europäischen Kohorte mit 833 Personen war es sogar um 121 Prozent höher. Die Autoren zeigten zusätzlich, dass Erythrit Blutplättchen aktiviert und in Tiermodellen die Thrombusbildung fördert.

Die Meldung ging um die Welt. Erythrit gilt seither als der gefährliche Zuckeralkohol.

Nur: Erythrit ist kein reiner Zusatzstoff. Dein Körper stellt es selbst her, aus Glukose, über einen ganz normalen Seitenweg des Zuckerstoffwechsels. Das ist keine Vermutung. Eine Cornell-Arbeit von 2017 hat es mit stabilen Isotopen direkt nachgewiesen. Dieselbe Arbeit begleitete 264 junge Erwachsene neun Monate lang durch ihr erstes Studienjahr. Wer in dieser Zeit Bauchfett zulegte, hatte 15-fach höhere Erythritwerte im Blut. Wer schon zu Beginn einen leicht erhöhten Langzeitwert des Blutzuckers hatte, den HbA1c über 5,05 Prozent, sogar 21-fach höhere.

Niemand isst 15-mal so viel Erythrit wie andere. Diese Werte kamen also aus dem Körper selbst. Ein hoher Erythritspiegel im Blut ist bei vielen Menschen ein Zeichen für einen entgleisten Zuckerstoffwechsel, kein Beweis dafür, dass jemand Erythrit gegessen hat. Genau deshalb kann der Befund aus der Hazen-Kohorte auch andersherum laufen: Ein kranker Stoffwechsel treibt den Erythritwert nach oben, derselbe kranke Stoffwechsel führt zu Herzinfarkten.

Die Cornell-Autoren selbst bleiben vorsichtig. Sie schreiben, die Eigenproduktion könne zu den hohen Werten beitragen. Beide Werte, das 15-Fache und das 21-Fache, stammen außerdem aus Blutproben, die pro Gruppe zusammengeschüttet wurden, nicht aus einzelnen Menschen. Ein Übersichtsartikel von 2023 macht genau diesen gestörten Zuckerstoffwechsel für die hohen Werte verantwortlich, nicht das Erythrit aus dem Essen. Lies ihn trotzdem mit einem Vorbehalt: Die Einreichung wurde von Amyris Inc. freigegeben, einem Erythrit-Hersteller.

Wo die Erythrit-Verteidigung aufhört zu funktionieren

Das ist die Verteidigung. Zwei Dinge sprechen dagegen. Das erste: Der Plättchenteil der Hazen-Arbeit lässt sich mit umgekehrter Kausalität nicht wegerklären. Bei Xylit fanden dieselben Forschenden 2024 dasselbe Muster, ein um 57 Prozent höheres Risiko im obersten Drittel, und in einer kleinen Interventionsstudie mit zehn Gesunden stieg die Plättchenreaktivität nach einem xylitgesüßten Getränk bei allen Teilnehmenden. Zehn Menschen sind keine Antwort auf eine Sicherheitsfrage, aber sie sind auch kein Nichts.

Das zweite ist der Punkt, an dem das schöne Erythrit-Argument aufhört zu funktionieren. Es überträgt sich nicht auf Xylit. Das steht ausgerechnet in der Xylit-Arbeit der Hazen-Gruppe selbst: Zuckeralkohole werden zwar auch körpereigen gebildet, aber in Mengen, die mehr als tausendfach unter dem liegen, was nach dem Verzehr als Süßungsmittel im Blut auftaucht. Bei Erythrit trägt die Eigenproduktion die Erklärung. Bei Xylit trägt sie nicht. Wer beide Stoffe mit demselben Argument entlastet, macht es sich zu leicht.

Eine Einschränkung gilt für beide Hazen-Arbeiten: Die Kohorten waren Klinikpatienten zur geplanten kardiologischen Abklärung, keine Allgemeinbevölkerung.

Eine Arbeit von 2025 im European Journal of Preventive Cardiology zeigt besonders sauber, wie weit diese Erklärung trägt. In der Nurses' Health Study wurden 762 Frauen mit späterer koronarer Herzkrankheit mit 762 Kontrollen verglichen. Im Viertel mit den höchsten Erythrit-Blutwerten war das Risiko zunächst um 55 Prozent erhöht. Dann rechneten die Autoren Diabetes heraus. Übrig blieben 21 Prozent, ein Rest, der genauso gut Zufall sein kann. Bei Mannit und Sorbit blieb der Zusammenhang dagegen bestehen. Genau so sieht es aus, wenn ein Signal überwiegend vom Stoffwechselzustand getragen wird und nicht vom Stoff.

Gleicher Stoff, gleiches scheinbares Risiko, und das Signal verschwindet fast vollständig, sobald man berücksichtigt, wer ohnehin krank war. Das ist dieses ganze Thema in einem Absatz.

Was passiert, wenn man Zucker gezielt ersetzt?

Die Frage, die dich interessiert, ist ja nicht "Ist Süßstoff gut?", sondern "Ist Süßstoff besser als der Zucker, den er ersetzt?" Für diese Frage braucht man Studien, die genau das tun.

Es gibt sie.

Die DRINK-Studie, 2012 im New England Journal of Medicine. 641 überwiegend normalgewichtige Kinder bekamen 18 Monate lang täglich 250 Milliliter eines Getränks über die Schule. Die eine Hälfte zuckerfrei, die andere mit 104 Kilokalorien Zucker. Weder Kinder noch Eltern noch Forschende wussten, wer was bekam. Ergebnis: Nach 18 Monaten hatten die Kinder mit dem zuckerfreien Getränk im Schnitt 6,35 Kilogramm zugenommen, die Kinder mit dem Zuckergetränk 7,37 Kilogramm. Auch Hautfaltendicke, Taille-zu-Größe-Verhältnis und Fettmasse stiegen in der zuckerfreien Gruppe weniger stark.

Ein Kilogramm Unterschied über anderthalb Jahre, in einer maskierten Studie, bei Kindern, die nicht wussten, dass sie an einer Süßstoffstudie teilnehmen. Das ist so nah an einem sauberen Experiment, wie Ernährungsforschung kommt.

Eine Einschränkung gehört dazu. Sie steht im Abstract der Studie selbst: 26 Prozent der Kinder tranken die Getränke am Ende nicht mehr. Statt sie herauszunehmen, schätzten die Forschenden ihre fehlenden Messwerte statistisch. In einer Zusatzauswertung, die 136 dieser Abbrecher wieder zu den 477 Kindern dazurechnete, die durchhielten, halbierte sich der Unterschied zwischen den Gruppen fast, auf 0,06 gegen 0,12, p gleich 0,06. Das liegt haarscharf auf der falschen Seite der Grenze, ab der Forschende ein Ergebnis üblicherweise als echten Befund werten. Der Haupteffekt bleibt bestehen, die Studie ist aber weniger unantastbar, als sie in der Sekundärliteratur meist dargestellt wird.

Die Netzwerk-Meta-Analyse von 2022 in JAMA Network Open hat 17 randomisierte Studien mit 1.733 Erwachsenen zusammengefasst und drei Austauschstrategien verglichen. Wichtig für die Übertragbarkeit: Das waren nicht Erwachsene im Allgemeinen, sondern Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas, die entweder Diabetes hatten oder ein erhöhtes Risiko dafür. Süßstoffgetränk statt Zuckergetränk brachte 1,06 Kilogramm weniger Gewicht, dazu weniger Körperfett und weniger Leberfett. Interessant sind die anderen beiden Vergleiche: Wasser statt Zuckergetränk zeigte in keinem Endpunkt einen signifikanten Effekt, worin sich die geringe Studienzahl widerspiegelt. Und Süßstoffgetränk statt Wasser zeigte praktisch nichts, außer einem leicht höheren HbA1c und einem leicht niedrigeren systolischen Blutdruck.

Die Studien, die dagegen sprechen

Und jetzt das Gegengewicht, denn die Ersatzstrategie ist kein Wundermittel.

Ebbeling und Kollegen, ebenfalls 2012 im New England Journal of Medicine, lieferten 224 übergewichtigen und adipösen Jugendlichen ein Jahr lang kalorienfreie Getränke nach Hause. Nach einem Jahr war der BMI um 0,57 Punkte niedriger und das Gewicht um 1,9 Kilogramm. Nach zwei Jahren, also ein Jahr nach Ende der Intervention, war der Unterschied verschwunden. Der primäre Endpunkt war nicht signifikant.

Zwei Dinge dazu, damit die Studie richtig eingeordnet wird. Sie war nicht maskiert, die Jugendlichen wussten also, in welcher Gruppe sie waren. Und sie testete streng genommen nicht Süßstoff gegen Zucker, sondern die Reduktion von Zuckergetränken gegen den gewohnten Konsum. Was das über Süßstoffe aussagt, ist deshalb indirekt. Was sie sehr gut zeigt, ist etwas anderes: Der Effekt hielt genau so lange, wie jemand die Getränke lieferte.

Und die große systematische Übersicht im BMJ von 2019 kam zu einem nüchternen Ergebnis: 56 Studien, davon 35 Beobachtungsstudien. Die Evidenz für Nutzen war überwiegend von sehr niedriger bis niedriger Sicherheit. Überwiegend, nicht durchweg: Für die Gewichtsentwicklung bei Kindern stufte die Arbeit die Sicherheit als moderat ein. Der BMI-Effekt bei Erwachsenen stammte aus zwei Studien mit zusammen 174 Personen.

Die derzeit größte Interventionsstudie zum Thema ist das europäische SWEET-Projekt. Es veröffentlichte 2025 in Nature Metabolism die Ergebnisse von 341 Erwachsenen mit Übergewicht, die nach einer zweimonatigen Diät ein Jahr lang entweder Süßstoffprodukte oder die zuckerhaltigen Entsprechungen aßen. Die Süßstoffgruppe hielt ihren Gewichtsverlust besser und lag am Ende 1,6 Kilogramm unter der Zuckergruppe, p gleich 0,029. Unterschiede bei Blutfetten, Blutdruck oder Blutzucker gab es keine, bei den 38 mitgeführten Kindern auch keinen Gewichtsunterschied.

Und was ist mit Wasser?

An dieser Stelle steht in fast jedem Artikel zum Thema, auch in früheren Fassungen dieses Artikels, der Satz "Wasser ist sowieso besser". Er klingt vernünftig. Die direkten Vergleiche geben ihn nicht her.

Es gibt vier randomisierte Studien, die Süßstoffgetränk und Wasser direkt gegeneinander gestellt haben. Sie kommen zu drei verschiedenen Ergebnissen.

Studie | Teilnehmende, Dauer | Ergebnis
Tate 2012, CHOICE | 318, 6 Monate | Süßstoff minus 2,5 Prozent, Wasser minus 2,03 Prozent, kein signifikanter Unterschied
Madjd 2015 | 89, 24 Wochen | Wasser minus 8,8 kg, Süßstoff minus 7,6 kg, Vorteil Wasser
Peters 2016 | 303, 12 Monate | Süßstoff minus 6,21 kg, Wasser minus 2,45 kg, Vorteil Süßstoff
Harrold 2026 | 493, 104 Wochen | Süßstoff minus 4,8 kg, Wasser minus 3,7 kg, kein signifikanter Unterschied

Zwei Studien finden keinen Unterschied, eine findet Wasser besser, eine findet Süßstoff besser. Die längste und größte, über zwei Jahre mit 493 Teilnehmenden, war ausdrücklich als Äquivalenzstudie angelegt und kam zu genau diesem Ergebnis: Beides funktioniert.

Bei den beiden Studien, die auseinandergehen, lohnt der Blick auf den Aufbau. Im Kern war er gleich: In beiden tranken vorher alle regelmäßig Light-Getränke, dann stieg die eine Hälfte auf Wasser um, die andere blieb beim Süßstoff. Alles andere war verschieden. Bei Madjd waren es 89 übergewichtige Frauen im Iran, die in einer Diätklinik ohnehin Kalorien sparten, mit einem einzigen Light-Getränk nach dem Mittagessen an fünf Tagen pro Woche. Bei Peters waren es 303 US-Erwachsene mit Adipositas in einem einjährigen Abnehmprogramm, mit mindestens 710 Millilitern pro Tag. Madjd wertete außerdem nur die 62 von 89 Frauen aus, die bis zum Ende dabeiblieben. Und Peters wurde komplett von der American Beverage Association bezahlt, dem Verband der Getränkeindustrie. In beiden Studien musste eine Hälfte ein gewohntes Getränk aufgeben. Gemessen wurde also auch, wie schwer das fällt. Zwei kleine Studien, zwei verschiedene Ergebnisse, entschieden ist damit nichts.

Die Meta-Analysen bestätigen das Bild. Die Netzwerk-Meta-Analyse von 2022 fand für Süßstoff statt Wasser praktisch nichts. Rogers und Appleton fanden 2021 über 88 Interventionsstudien 0,10 Kilogramm zugunsten von Wasser, statistisch nicht von null zu unterscheiden. Und die größte Kohortenauswertung dazu, 2026 im American Journal of Clinical Nutrition über 143.409 Menschen, kommt auf eine Zahl, die man sich merken sollte.

Wer drei wöchentliche Portionen Zuckergetränk durch Süßstoffgetränk ersetzte, nahm über vier Jahre 1,39 Kilogramm weniger zu. Wer sie durch Wasser ersetzte, ebenfalls 1,39 Kilogramm. Auf zwei Nachkommastellen identisch.

Was daraus folgt. Für dein Gewicht ist die Entscheidung zwischen Wasser und Süßstoffgetränk offenbar deutlich weniger wichtig als die Entscheidung zwischen beidem und Zucker. Wasser bleibt trotzdem die vernünftige Standardwahl, aber aus anderen Gründen: Es kostet nichts, es enthält nichts, worüber in zehn Jahren noch diskutiert wird, es braucht keine Sicherheitsbewertung. Das sind gute Gründe. Ein Gewichtsvorteil ist keiner davon. Zucker durch Süßstoff zu ersetzen bringt dagegen einen kleinen, echten, aber begrenzten Vorteil, solange der Zucker tatsächlich wegfällt. Und wenn die Umstellung endet, endet meistens auch der Effekt.

Das ist kein neuer Streit. Er läuft seit zwölf Jahren.

Wenn du den Eindruck hast, diese Debatte sei 2026 entstanden, liegt das an der Berichterstattung, nicht an der Datenlage. Der Widerspruch zwischen Beobachtungsdaten und randomisierten Studien ist seit 2014 dokumentiert, er taucht in jeder größeren Übersichtsarbeit seither auf, und zwar immer mit demselben Muster. Das hier besprochene Paper ist der dritte Umbrella Review in vier Jahren, nicht der erste.

Jahr | Arbeit | Was verglichen wurde | Ergebnis | Was das heißt
2014 | Miller und Perez | RCT gegen Kohorten | RCT minus 0,80 kg, Kohorten Korrelation 0,03 | Der Widerspruch ist so alt wie die Frage
2015 | Imamura | Kohorten, mit und ohne Gewichtsadjustierung | plus 25 Prozent Diabetes wird zu plus 8 Prozent | Zwei Drittel des Risikos waren das Gewicht
2016 | Rogers | RCT gegen Zucker und gegen Wasser | minus 1,35 kg und minus 1,24 kg | Die Wasserzahl steht auf drei Vergleichen
2017 | Azad | 7 RCT gegen 30 Kohorten | BMI nicht signifikant, Kohorten ungünstig | Der RCT-Arm war mit 242 Personen zu klein für ein Urteil
2018 | Nichol | 29 RCT, Blutzucker | kein Anstieg | Der direkte Blutzuckervorwurf ist vom Tisch
2019 | Toews | 56 Studien, GRADE-bewertet | Nutzen nur mit sehr niedriger Sicherheit | Auch die guten Nachrichten sind schwach belegt
2020 | Laviada-Molina | gegen Zucker und gegen Wasser getrennt | Vorteil nur gegenüber Zucker | Die Vergleichsgruppe entscheidet das Ergebnis
2020 | Cochrane, Lohner | 9 RCT bei Diabetes | Evidenz durchweg sehr unsicher | Ausgerechnet für Diabetiker fehlen belastbare Daten
2021 | Rogers und Appleton | 88 Interventionsstudien | minus 1,06 kg gegen Zucker, null gegen Wasser | Süßstoff schlägt Zucker, nicht Wasser
2022 | Lee | Substitution, 416.830 Personen | Austausch günstig, Sicherheit niedrig | Als Umstieg plausibel, als Beweis dünn
2023 | Diaz | Umbrella, nur Kohorten | Risiko hoch suggestiv | Nur Beobachtungsdaten, also derselbe blinde Fleck
2024 | Chen | 11 Kohorten, 2,2 Millionen Personen | Sterblichkeit plus 13 Prozent, Austausch minus 4 bis 6 Prozent | Dieselben Daten, zwei Fragen, zwei Antworten
2025 | Boon | 90 epidemiologische Studien, 17 Krebsarten | kein konsistenter Zusammenhang, keine Dosis-Wirkungs-Beziehung | Der Krebsstrang reproduziert das Muster nicht, und die Aufnahme war in allen Studien selbst berichtet.
2026 | Choi | Umbrella plus RCT-Update | minus 0,73 kg, langfristig nicht empfohlen | Brücke weg vom Zucker, keine Dauerlösung
2026 | Jeong | Umbrella, 29 Meta-Analysen | Beobachtung Risiko, RCT Nutzen | Dasselbe Muster, zwölf Jahre später, immer noch ungelöst

Zwölf Jahre, fünfzehn große Arbeiten, ein einziges Muster. Beobachtungsdaten finden Risiko, randomisierte Studien finden einen kleinen Nutzen gegenüber Zucker. Keine dieser Arbeiten hat den Widerspruch aufgelöst.

Fair gegenüber dem neuen Paper: Es tut nicht so, als gäbe es seine Vorgänger nicht. Die Diskussion nennt frühere Übersichtsarbeiten und grenzt sich von ihnen ab. Der Vorwurf lautet also nicht, dass die Vorgänger verschwiegen werden. Er lautet, dass ein Muster, das seit zwölf Jahren in jeder einzelnen dieser Arbeiten auftaucht, weiterhin als Nebenbefund behandelt wird statt als das eigentliche Ergebnis.

Es gibt eine Arbeit, die den Widerspruch auflöst. Sie fehlt.

2025 erschien in Applied Physiology, Nutrition, and Metabolism eine Übersichtsarbeit, die sich genau die Frage vorgenommen hat, warum Kohorten und Studien mit Kontrollgruppe bei Süßstoffen auseinanderlaufen.

[Image: PubMed-Eintrag der Arbeit von Ayoub-Charette und Kollegen mit PMID und DOI]

Die Gruppe um Sabrina Ayoub-Charette und John Sievenpiper suchte gezielt nach Meta-Analysen, die ihre Daten auf zwei Arten ausgewertet hatten. Naiv bedeutet: Süßstoff gegen alles andere, ohne zu fragen, was er ersetzt. Bias-adjustiert bedeutet: Süßstoff gegen einen definierten Vergleich, also gegen das, was er tatsächlich verdrängt, oder gegen die Veränderung des Konsums über die Zeit.

Sechs Auswertungen randomisierter Studien und fünf Kohorten-Auswertungen erfüllten dieses Kriterium. Das Ergebnis ist erstaunlich klar. In den randomisierten Studien nahmen die Menschen mit Süßstoff weniger Kalorien auf, wogen weniger, hatten weniger Körperfett, egal welche der beiden Auswertungsarten man nimmt. Bei den Kohorten hängt alles an der Auswertung. Naiv gerechnet sieht Süßstoff schlecht aus: mehr Adipositas, mehr Diabetes, mehr Schlaganfälle, mehr Todesfälle. Fair gerechnet werden Süßstofftrinker nicht mehr mit allen anderen verglichen, sondern mit denen, die stattdessen Zucker trinken. Dann dreht sich das Ergebnis um: weniger Gewicht, kleinerer Taillenumfang, weniger Adipositas, weniger koronare Herzkrankheit, weniger Todesfälle.

Der PubMed-Eintrag dieser Arbeit datiert auf den 22. Dezember 2025, gut zwei Monate vor der Einreichung des neuen Papers und knapp vier Monate vor dessen Überarbeitung.

Dasselbe Datenmaterial. Andere Vergleichsgruppe. Anderes Vorzeichen.

Die Autoren stufen die Sicherheit ihrer Evidenz übrigens selbst ein: generell moderat für die randomisierten Studien, sehr niedrig für die Kohorten. Das ist ehrlicher, als es die Zusammenfassung vermuten lässt.

Wer diese Arbeit bezahlt

Hier gehört eine Offenlegung hin, die in der Diskussion um dieses Paper meistens fehlt.

John Sievenpiper forscht in Toronto. Er ist Mitautor der eben beschriebenen Übersichtsarbeit von 2025. Er ist außerdem Mitautor der Netzwerk-Meta-Analyse von 2022, die weiter oben für den Austausch von Zucker gegen Süßstoff zitiert wird. Kaum jemand veröffentlicht zu diesem Thema mehr als er. Seine eigene Offenlegung nennt Vortragshonorare von der International Sweeteners Association, vom Calorie Control Council, dem Verband der Süßstoffbranche, sowie von Nestlé. Dazu Forschungsgeld aus dem Tate and Lyle Nutritional Research Fund an der University of Toronto, Tate and Lyle stellt selbst Süßungsmittel her. Dazu Lebensmittelspenden von Danone und weiteren Herstellern für die Durchführung seiner Studien.

Am meisten gestritten wird über einen Fonds: den Nutrition Trialists Network Fund an der University of Toronto. Er wurde laut Offenlegung mit Geld von drei Seiten aufgebaut, vom Calorie Control Council aus der Branche, vom Physicians Committee for Responsible Medicine sowie von der Login5 Foundation. Das Physicians Committee setzt sich für pflanzliche Ernährung ein und legt sich mit der Lebensmittelindustrie regelmäßig an. Wer den Fonds als reines Branchengeld beschreibt, verkürzt.

Was das heißt: Die Methode dieser Arbeit ist deswegen nicht falsch. Der Unterschied zwischen naiver und fairer Auswertung ist ein anerkanntes Prinzip, kein Trick. Aber die Gruppe, die den Süßstoffen immer wieder ein gutes Zeugnis ausstellt, wird von der Süßstoffbranche mitbezahlt. Das gehört ins Bild, sonst tauschst du nur eine Schlagseite gegen die andere. Das gilt allerdings nicht nur für diese eine Seite.

Eine Untersuchung von 2016 in PLoS One hat 31 Übersichtsarbeiten zu Süßstoffgetränken und Gewicht danach sortiert, wer sie bezahlt hat. Von den vier Arbeiten mit Finanzierung aus der Süßstoffbranche kamen drei zu einem günstigen Ergebnis, von den 23 Arbeiten ohne Branchenfinanzierung genau eine. Alle vier Arbeiten, die von Konkurrenzbranchen finanziert waren, kamen zu einem ungünstigen Ergebnis. In 42 Prozent der Übersichtsarbeiten war der Interessenkonflikt der Autorinnen und Autoren überhaupt nicht offengelegt.

Die faire Lesart: Nimm das methodische Argument ernst, aber verlange dieselbe Skepsis, mit der du die neue Übersichtsarbeit vom Anfang prüfst.

Wie sauber ist das neue Paper handwerklich gemacht?

Zwei Dinge fallen auf, wenn man sich die Kopfdaten des Papers ansieht.

[Image: Zeitstrahl von Dezember 2024 bis Mai 2026 mit Suchstopp, Einreichung, Revision und Annahme]

Erstens: Die Literatursuche endete am 20. Dezember 2024. Eingereicht wurde die Arbeit am 28. Februar 2026. Dazwischen liegen 14 Monate, in denen zu diesem Thema weiter publiziert wurde, unter anderem die eben beschriebene Arbeit zu naiver und bias-adjustierter Auswertung.

[Image: Methodenteil der Originalarbeit, der Suchzeitraum bis zum 20. Dezember 2024 ist hervorgehoben]

Wichtig für die Fairness: Ein Suchstopp im Dezember 2024 ist kein Protokollverstoß. Eine systematische Suche muss irgendwann enden, sonst wird sie nie fertig. Das Problem ist nicht die Suche. Das Problem ist die Diskussion. Wer ein Paper 14 Monate später einreicht, sollte in der Diskussion einordnen, was in der Zwischenzeit erschienen ist, besonders wenn es die zentrale Interpretationsfrage der eigenen Arbeit betrifft.

Zweitens: Die Diskussion spekuliert, statt die Designfrage zu klären. Für den scheinbaren Widerspruch zwischen weniger Zucker und mehr Übergewicht bietet das Paper eine Erklärung an, nämlich eine Entkopplung zwischen Süßwahrnehmung und fehlendem Kaloriensignal. Für die gegenläufigen Gewichtsergebnisse führt es an, dass Beobachtungsstudien Adipositas als Ja-Nein-Variable auswerteten, die randomisierten Studien dagegen als kontinuierliche Größe.

Beides sind legitime Hypothesen. Beides sind aber Erklärungen zweiter Wahl, solange die naheliegendste Erklärung, nämlich dass kranke Menschen zu Süßstoff greifen, nur im Kleingedruckten steht.

Was bleibt, ist eine handwerklich ordentliche Arbeit mit einer Aktualitätslücke und einer Zusammenfassung, die nicht zur eigenen Evidenzbewertung passt. Das ist ein realer Kritikpunkt. Es ist kein Skandal.

Die Süßstoffe einzeln betrachtet

"Süßstoff" ist keine Substanz, sondern eine Sammelkategorie. Die Stoffe sind chemisch nicht verwandt und die Datenlage unterscheidet sich erheblich.

Aspartam

Der am besten untersuchte und am schlechtesten beleumundete. Im Juli 2023 stufte die IARC Aspartam als möglicherweise krebserregend, Gruppe 2B ein, auf Basis begrenzter Evidenz für Leberzellkarzinom, also Leberkrebs. Am selben Tag bestätigte das gemeinsame Sachverständigengremium von FAO und WHO die erlaubte Tagesdosis von bis zu 40 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Erlaubte Tagesdosis heißt: die Menge, die du ein Leben lang täglich aufnehmen könntest, ohne dass ein Schaden erwartet wird, mit großem Sicherheitsabstand festgelegt.

Beides gleichzeitig zu lesen ist der Punkt. Gruppe 2B ist eine Aussage über die Stärke der Hinweise, nicht über die Größe des Risikos. Um die Tagesdosis zu überschreiten, müsste ein 70 Kilogramm schwerer Erwachsener laut WHO mehr als 9 bis 14 Dosen eines Light-Getränks pro Tag trinken, bei 200 bis 300 Milligramm Aspartam pro Dose und ohne jede andere Quelle.

Aus der französischen NutriNet-Santé-Kohorte mit 102.865 Erwachsenen kam 2022 ein um 15 Prozent höheres Gesamtkrebsrisiko bei höherem Aspartamkonsum und ein um 22 Prozent höheres Brustkrebsrisiko. Aus derselben Kohorte kam ein um 17 Prozent höheres Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse. Beides sind Beobachtungsdaten, mit genau der Einschränkung, um die es in diesem Artikel geht. Die Autoren nennen umgekehrte Kausalität selbst als Schwäche ihrer Arbeit.

Acesulfam K

In derselben französischen Kohorte war Acesulfam K mit einem um 13 Prozent höheren Krebsrisiko und einem um 40 Prozent höheren Risiko für koronare Herzkrankheit verbunden, Sucralose mit einem um 31 Prozent höheren Risiko für koronare Herzkrankheit, wobei der letzte Befund statistisch auf der Kippe steht.

Für Acesulfam K ist dabei eine Neuigkeit von 2025 wichtig, die kaum jemand mitbekommen hat: Die EFSA hat den Stoff neu bewertet und die erlaubte Tagesdosis von 9 auf 15 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht angehoben, weil in Rattenversuchen selbst bei der höchsten getesteten Dosis keine schädliche Wirkung auftrat. Die geschätzte Aufnahme in der EU liegt in allen Bevölkerungsgruppen darunter. Eine Behörde, die auf Basis neuer Daten eine Grenze lockert, ist genauso ein Datenpunkt wie eine, die sie verschärft.

Sucralose

Zuerst das Beruhigende: Die EFSA hat Sucralose im Februar 2026 komplett neu bewertet und keine Sicherheitsbedenken bei den heutigen Anwendungen gefunden. Offen blieb nur eine Frage, die Hitze. Daneben gibt es zwei Signale, die nicht aus Kohorten stammen. Beide sind klein und früh. In einer randomisierten Studie mit 120 gesunden Erwachsenen aus dem Jahr 2022 veränderten alle vier getesteten Süßstoffe das Mikrobiom in Mund und Darm sowie die Stoffwechselprodukte im Blut, aber nur Saccharin und Sucralose verschlechterten messbar die Glukoseantwort. Pro Süßstoff waren das allerdings nur rund zwanzig Menschen, zwei Wochen lang, in Dosen unter der erlaubten Tagesmenge. Und keimfreie Mäuse, denen das Mikrobiom von Studienteilnehmenden übertragen wurde, zeigten die Glukoseantwort ihrer jeweiligen Spender.

Das zweite Signal ist eine toxikologische Übersicht von 2023 zu Sucralose-6-Acetat, einem Verunreinigungs- und Stoffwechselprodukt von Sucralose. In Zellversuchen schädigte es das Erbgut, verschob die Genaktivität in Richtung von Entzündung und oxidativem Stress und schwächte gemeinsam mit Sucralose die Schutzschicht des menschlichen Darms. Das sind Zellversuche, keine Menschen. Ein Signal, das man im Auge behält, kein Grund zur Panik.

Der dritte Punkt hat nichts mit Kohorten zu tun, sondern mit deinem Backofen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat 2019 bewertet, was beim Erhitzen passiert. Im Februar 2026 hat es die Bewertung bestätigt: Über 120 Grad zerfällt Sucralose, dabei können chlorierte Verbindungen entstehen, die als gesundheitsschädlich und krebserzeugend gelten, darunter Dioxine. Beim Backen, Braten und Frittieren werden 120 bis 150 Grad erreicht. In deinem Glas passiert davon nichts.

Die EFSA hat Sucralose im selben Monat neu bewertet, die erlaubte Tagesdosis von 15 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht bestätigt sowie keine Bedenken wegen Erbgutschäden gesehen. Offen blieb nur die Hitze. Über den Antrag der Hersteller, Sucralose auch in weiteren feinen Backwaren einzusetzen, konnte sie deshalb nicht entscheiden. Industriell wird kurz erhitzt, das begrenzt die Zersetzung. Für den Privathaushalt, so die EFSA, lässt sich ein Risiko nicht ausschließen. Die Empfehlung von 2019 gilt also weiter, jetzt getragen von zwei Behörden: Sucralose nicht auf Back- und Brattemperaturen erhitzen, oder erst danach zugeben. Das ist Vorsicht, kein nachgewiesener Schaden.

Praktisch ist der Unterschied simpel. Sucralosegesüßter Sirup über den fertigen Quark ist unproblematisch. Ein sucralosegesüßtes Pulver, das in den Teig kommt und bei 180 Grad in den Ofen geht, ist genau der Fall, den das BfR meint. Das betrifft besonders Produkte, die mit Sucralose gesüßt und zugleich zum Backen beworben werden, etwa Backmischungen, Sirupe und Proteinpulver.

Stevia und Steviolglycoside

Die freundlichste Datenlage. In der neuen Übersichtsarbeit senkte Stevia in randomisierten Studien den Blutzucker deutlich, bei mittlerer Sicherheit der Daten. In der Mikrobiom-Studie von 2022 veränderte Stevia zwar die Bakterienzusammensetzung, verschlechterte die Glukoseantwort aber im Gegensatz zu Saccharin und Sucralose nicht.

Erythrit und Xylit

Zuckeralkohole, nicht Süßstoffe im engeren Sinne. Die Datenlage ist oben ausführlich beschrieben. Kurzfassung: Bei Erythrit sind die Beobachtungssignale stark verzerrungsanfällig, weil dein Körper den Stoff in relevanten Mengen selbst produziert. Bei Xylit gilt das nicht, dort liegt die Eigenproduktion tausendfach unter der Zufuhr. Die Kohortensignale bleiben dort ungeklärt. Die Plättchen- und Interventionsdaten sind bei beiden schwächer, aber nicht wegzuerklären. Wenn du täglich große Mengen konsumierst, etwa über zuckerfreie Backwaren oder Proteinriegel, ist Zurückhaltung vertretbar.

Wichtig: Die WHO-Leitlinie zu Süßstoffen deckt Zuckeralkohole ausdrücklich nicht ab. Wer "die WHO warnt vor Erythrit" liest, liest etwas Falsches.

Sorbit

Der einzige Stoff in der Übersichtsarbeit mit einem klaren Nutzen jenseits des Gewichts: etwas bessere Zahngesundheit, bei mittlerer Sicherheit der Daten.

Was sagt die WHO wirklich?

Im Mai 2023 hat die WHO eine Leitlinie veröffentlicht, die in den Medien fast durchgängig als Warnung gelesen wurde. Was tatsächlich drinsteht:

- Die WHO empfiehlt, Süßstoffe nicht zur Gewichtskontrolle oder zur Senkung des Risikos für nichtübertragbare Krankheiten einzusetzen.
- Die Empfehlung ist bedingt. In der WHO-Systematik heißt das: Die Evidenz reicht für eine starke Empfehlung nicht aus, politische Entscheidungen brauchen länderspezifische Diskussion.
- Sie gilt für Acesulfam K, Aspartam, Advantam, Cyclamate, Neotam, Saccharin, Sucralose, Stevia und Steviolglycoside.
- Sie gilt nicht für Zuckeralkohole und nicht für Süßstoffe in Körperpflege- und Arzneimitteln, die Leitlinie nennt ausdrücklich Zahnpasta, Hautcreme und Medikamente.
- Sie gilt für alle Menschen außer solchen mit bereits bestehendem Diabetes.

Die Leitlinie ist also keine Sicherheitswarnung, sondern eine Aussage über den Nutzen: Süßstoffe funktionieren langfristig nicht als Abnehmstrategie. Über die Frage, ob sie schaden, trifft sie eine deutlich vorsichtigere Aussage, als die Berichterstattung nahelegte.

Was heißt das praktisch?

Wenn du Zucker ersetzt, ist Süßstoff die bessere Wahl. Das ist der einzige Vergleich, für den es maskierte Studien mit harten Endpunkten gibt. Er fällt konsistent zugunsten des Süßstoffs aus. Ein Kilogramm über 18 Monate bei Kindern, etwa ein Kilogramm über wenige Monate bei Erwachsenen.

Wenn du zwischen Wasser und Süßstoff wählst, ist die Entscheidung kleiner, als du denkst. Vier randomisierte Studien haben beides direkt verglichen. Zwei fanden keinen Unterschied, eine sprach für Wasser, eine für Süßstoff. In den Meta-Analysen liegt der Unterschied im Mittel bei null. Nimm Wasser, weil es nichts kostet und keine offenen Fragen hat, nicht weil es dich schlanker macht.

Süßstoff ist kein Freifahrtschein. Die Effekte sind klein und verschwinden, wenn die Umstellung endet. Wer die eingesparten Kalorien anderswo wieder aufnimmt, hat nichts gewonnen. Das ist keine Eigenschaft des Süßstoffs, sondern der Kalorienbilanz. Mehr dazu in unserem Überblick, wie viele Kalorien du am Tag brauchst.

Die Mengen sind großzügig. 9 bis 14 Dosen Light-Getränk täglich, um bei Aspartam die erlaubte Tagesdosis zu erreichen. Wenn dein Konsum irgendwo in der Nähe von ein bis zwei Getränken liegt, ist die Dosisfrage für dich nicht das Thema.

Sucralose nicht mitbacken. Über 120 Grad zersetzt sich der Stoff. Das BfR rät davon ab, Sucralose-haltige Lebensmittel auf Back- und Brattemperaturen zu erhitzen. Die EFSA konnte im Februar 2026 gerade wegen der offenen Fragen zur Hitzestabilität nicht über eine Ausweitung auf Backwaren entscheiden. Erst nach dem Erhitzen zu süßen löst das Problem. Alles andere an Sucralose gilt in normalen Mengen als sicher, offen ist nur die Hitze.

Wechsle den Stoff, wenn dich einer stört. Die Stoffe sind chemisch nicht miteinander verwandt. Wenn dich einer davon stört, zum Beispiel die Laborsignale bei Sucralose, nimm Stevia, dessen Datenlage aktuell die freundlichste ist. Das kostet dich nichts.

Bei Diabetes gilt die WHO-Empfehlung ausdrücklich nicht. Sie ist für dich also keine Vorgabe. Wenn du deinen Blutzucker verfolgst, siehst du den Unterschied zwischen Zucker und Süßstoff ohnehin direkt. Wie das in der Praxis aussieht, steht in unserem Guide zu Glukose und Blutzucker-Hacks und in der Übersicht zu kontinuierlicher Glukosemessung ohne Diabetes.

Das eigentliche Thema bleibt der Zucker. Die gesamte Diskussion dreht sich um einen Ersatzstoff für etwas, das du besser reduzierst. Wie eine Ernährung aussieht, die dieses Problem an der Wurzel angeht, steht in unserem Guide zur Longevity-Ernährung.

Fünf Signale, an denen du selbst erkennst, ob eine Studie etwas taugt

Du musst kein Methodiker sein. Fünf Fragen reichen für die meisten Ernährungsschlagzeilen.

1. Wann endete die Literatursuche, wann wurde eingereicht? Beides steht im Methodenteil. Liegt mehr als ein Jahr dazwischen, prüfe, ob die Diskussion die Lücke schließt.
2. Kohorte oder randomisierte Studie? Nur die zweite kann eine Ursache zeigen. Widersprechen sich beide Designs im selben Paper, gewinnt das Experiment.
3. Wird umgekehrte Kausalität ernst genommen, oder steht sie nur im Kleingedruckten, während die Zusammenfassung kausal klingt?
4. Passt das Fazit zu den Noten, die die Arbeit ihren eigenen Befunden gibt? Schwach benotete Befunde unter einer entschiedenen Zusammenfassung passen nicht zusammen.
5. Wer bezahlt, auf beiden Seiten? Prüfe die Studie, die dir gefällt, so genau wie die, die dir nicht gefällt. Das ist die schwerere Prüfung.

Damit das keine Floskel bleibt, hier die Anwendung auf diesen Artikel selbst. Die Netzwerk-Meta-Analyse von 2022, die weiter oben zugunsten des Austauschs zitiert wird, stammt aus derselben Arbeitsgruppe in Toronto, deren Interessenkonflikte in diesem Text ausführlich stehen. Das entwertet die Arbeit nicht. Aber wenn Regel 5 etwas taugt, dann muss sie auch für die Belege gelten, die die eigene These stützen. Genau das ist gemeint mit "die schwerere Prüfung".

Diese fünf Fragen erledigen die meisten viralen Ernährungsmeldungen in fünf Minuten. Mehr davon, inklusive der häufigsten Muster in der Longevity-Szene, steht in unserem Guide zu Longevity und Pseudowissenschaft.

Fazit

Die neue Übersichtsarbeit ist keine Enthüllung und kein Skandal. Sie ist eine ordentlich gemachte Zusammenfassung, deren Zusammenfassung nicht zu ihren eigenen Daten passt.

Ihre Beobachtungsdaten zeigen, was Beobachtungsdaten bei Süßstoffen seit zwölf Jahren zeigen: Menschen, die Süßstoff konsumieren, sind kränker. Ihre randomisierten Daten zeigen, was randomisierte Daten seit zwölf Jahren zeigen: Wer Zucker durch Süßstoff ersetzt, nimmt etwas weniger zu.

Beides ist wahr. Nur das Zweite ist eine Antwort auf die Frage, die du hast.

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_Kanonisch: https://longevity-germany.com/de/articles/are-sweeteners-bad-for-you · Teil von Longevity Cities · Aktualisiert 2026-08-26_
